Ein Rucksack voll schwerer Erinnerungen

Ein Rucksack voll schwerer Erinnerungen

Schweigend versammelten sich heute Morgen Polizeibeamte, ehemalige Kollegen, Vertreter des Röntgen-Gymnasiums und spontan Passanten und Anwohnende, als zum Gedenken an Kirsten Späinghaus-Flick am ehemaligen Tatort an der Albrecht-Thaer-Straße dem schrecklichen Tötungsdelikt vor genau 25 Jahren gedacht wurde.

VON STEFANIE BONA

Es war ein bewegender Moment heute Morgen, als rund 30 Polizistinnen und Polizisten, Passanten und Vertreter des Röntgen-Gymnasiums der vor genau 25 Jahren in Lennep getöteten Polizistin Kirsten Späinghaus-Flick gedachten. An dem zu ihrem Gedenken aufgestellten Holzkreuz an der Albrecht-Thaer-Straße in Lennep legten die Beamten einen Kranz nieder und hielten schweigend inne in Erinnerung an die liebenswerte Kollegin – ein Mensch mit Wärme und Herz, wie Polizeioberrat Jacques Isenrath, Leiter der Polizeiinspektion Remscheid, in seiner Rede ins Gedächtnis rief. „Eine Heldin, die ihr Leben im Dienst für die Sicherheit anderer hingegeben hat.“

Alle jungen Kollegen kennen diese Geschichte“
Am 27. Februar 2000 wurde die junge Polizistin im Alter von nur 26 Jahren durch einen Messerangriff getötet. Eine Tat, die damals Lennep und ganz Remscheid aufwühlte und betroffen machte. So waren es auch Anwohnerinnen und Anwohner, die sich spontan zu der Gruppe hinzu gesellten. „Ich kann mich noch so gut an den Tag erinnern – schrecklich!“ sagte eine Passantin gegenüber unserer Redaktion.
Die Erinnerung an den schrecklichen Vorfall an jenem sonnigen Februarsonntag ist auch bei Polly Schumacher noch nicht verblasst. Im Gegenteil: Für den Polizeibeamten, der mit Kirsten Späinghaus-Flick den Polizeieinsatz durchgeführt hatte, sind die Geschehnisse bis heute präsent, wenn er den Ablauf im Detail gegenüber den anwesenden Medien schildert. Es war ein Einsatz, wie er bis heute täglich zum Arbeitstag der Sicherheitskräfte gehört. „Wir haben das Telefongespräch damals selbst entgegengenommen“, erzählte der Polizeihauptkommissar, der auch mit Kirsten und ihrem Mann Dirk Flick befreundet war. Eine Frau war nach einem Streit vor ihrem Mann aus der gemeinsamen Wohnung geflüchtet und hatte sich voller Angst um ihre Kinder an die Polizei gewandt. Die beiden Beamten fuhren mit dem Streifenwagen in Richtung Lenneper Kirmesplatz, um die Anruferin nach deren Ortsangabe dort zu suchen. Als sie über die Albrecht-Thaer-Straße langsam in Richtung Röntgenstraße rollten, sei ein Mann mitten auf der Straße auf sie zugegangen. „Wir haben erst gedacht, er wolle nach dem Weg fragen“, erinnert sich Polly Schumacher. Doch dann riss der aus Mazedonien stammende Täter plötzlich die Wagentür an der Fahrerseite auf und stach unvermittelt zu. Die junge Polizeibeamtin hatte keine Chance, fiel nach vorne, so dass ihr Kollege erst aussteigen und um den Wagen herum eilen musste, um den Mann durch einen Schuss ins Bein zu bremsen. Und auch er entkam nur knapp dem Angriff mit einem 30 Zentimeter langen Küchenmesser. Doch kam für seine Kollegin jede Hilfe zu spät. „Ich wollte Verantwortung für sie übernehmen, konnte es aber nicht“, sagt der Polizeihauptkommissar, der anschließend psychologische Hilfe in Anspruch nahm, aber vor allem von seiner Dienstgruppe aufgefangen worden sei. Was in dem aus Mazedonien stammenden Täter vorgegangen sein muss, darüber kann heute nur spekuliert werden. „Er war sicher in einem psychischen Ausnahmezustand“, so der Inspektionsleiter, der in seiner Ansprache auch die Hingabe der getöteten Polizeiobermeisterin an ihren Beruf erwähnte – und ihren Mut.

Am Tatort an der Albrecht-Thaer-Straße in Lennep erinnert bis heute ein Holzkreuz an Kirsten Späinghaus-Flick. „Hier starb eine Hoffnung“, ist darauf zu lesen.

Die Erinnerung an die junge Frau bleibt in Reihen der Remscheider Polizei lebendig. Auch die Nachwuchskräfte werden in ihr Gedenken eingebunden. „Alle jungen Kolleginnen und Kollegen kennen diese Geschichte.“ Und dass Schülerinnen und Schüler des Röntgen-Gymnasiums bis heute die kleine, genau am Tatort aufgestellte Gedenkstätte pflegen und besuchen, freut besonders ihren Ehemann Dirk Flick. „Ich bin sicher, sie wäre darüber und von ihrem heutigen Andenken sehr gerührt.“ Das, was alle näher und ferner Beteiligten erlebt haben, vergleicht Polly Schumacher in Anlehnung an einen Gedanken eines Kollegen mit einem Rucksack: „Dieses Geschehen trägt man immer mit sich. Und man holt es immer wieder mal raus und schaut es an.“

Gut zu wissen

Die Schutzweste, die Kirsten Späinghaus-Flick möglicherweise das Leben gerettet hätte, war bestellt, aber noch nicht vorhanden. Heute, so sind sich die Einsatzkräfte sicher, seien sie durch stichfeste Westen, die Bodycams und Taser, durch die man Angreifer durch einen kurzen Elektroschock stoppen kann, besser geschützt. Auch lassen sich die Fahrzeugtüren nicht mehr von außen öffnen. Gleichwohl zeigt die traurige Erinnerung an die im Dienst getötete Remscheider Polizistin und viele weitere Angriffe auf Polizeibeamte, die sich in der Vergangenheit bundesweit ereigneten, wie gefährlich dieser Beruf sein kann. Und das Messer als „Tatmittel“ werde heute noch sehr viel häufiger sichergestellt, als damals, sagte Inspektionsleiter Jacques Isenrath.

Im Gedenken an Kirsten Späinghaus-Flick legten ihre Kolleginnen und Kollegen einen Kranz nieder.