Lüttringhauser Anzeiger

Suizidrate steigt im Alter

Die Stiftung Tannenhof lud zum Fachsymposium ein. Experten aus der Region informierten sich über Präventionsmaßnahmen.

Suizid ist ein Tabuthema. Dabei sterben allein in Deutschland 10.000 Menschen pro Jahr an Selbstmord. Die Rate der Suizidversuche ist schätzungsweise 15 bis 20 Mal so hoch. Die Gründe sind vielfältig und betreffen sämtliche Altersgruppen und Menschen aller sozialen Schichten – auch und immer häufiger Ältere mit degenerativen Krankheiten.

Hotspot Müngstener Brücke
Beim Fachsymposium in der Ev. Stiftung Tannenhof beschäftigten sich nun Ärzte, Psychologen und Therapeuten mit dem Thema der Suizidprävention und neuromodularischen Verfahren in der Psychiatrie. Professor Dr. Tillmann Supprian, Chefarzt der Abteilung für Gerontopsychiatrie am LVR-Klinikum Düsseldorf, machte deutlich, dass der gesellschaftliche Faktor ein wesentlicher sei, um einem Selbstmord im Alter vorzubeugen.

„Risikofaktoren sind psychische oder chronische Vorerkrankung, persönliche Konflikte, Schulden aber auch ein Verlusterlebnis und Einsamkeit“, führte Supprian an. Doch nicht zuletzt auch die Angst, durch eine degenerative Krankheit, wie etwa Demenz, Selbstständigkeit und Würde zu verlieren, würden Betroffene zu solch drastischen Entscheidungen führen, ihrem Leben frühzeitig ein Ende zu bereiten.

Die Bevölkerung dafür zu sensibilisieren, sei ein wesentlicher Aspekt, um dem Problem vorzubeugen, urteilte der Fachmann, der sich zeitgleich eine differenzierte Berichterstattung und offene Auseinandersetzung wünschte. „Unsere Gesellschaft vereinsamt immer mehr, und wir sollten uns darüber Gedanken machen.“ Ältere Menschen hätten häufig Angst, „ins Heim abgeschoben“ zu werden, weil sie eine Bevormundung und einen Verlust ihrer Selbstständigkeit befürchten. Supprian regte daher eine höhere Akzeptanz von Wohngemeinschaften für Ältere an, da sich in solchen Modellen die Senioren ihre Selbstständigkeit gefühlt bewahren und sich gegenseitig Gesellschaft leisten und unterstützen könnten.

Es brauche ein Umdenken der Gesellschaft sowie auch bauliche Maßnahmen an sogenannten Hotspots, urteilte Supprian. Fangnetze unter Brücken etwa, Videoüberwachung solcher Bauten oder auch ein einfacher angebrachter Hinweis mit einer Telefonnummer einer Anlaufstelle, habe an vielen Orten weltweit dazu geführt, dass Suizide eingedämmt werden konnten. Dass an der Müngstener Brücke solche Maßnahmen nicht getroffen würden, was Supprian seinerseits nicht nachvollziehen konnte, habe mit dem Denkmalschutz zu tun.

Über neuromodulatorische Verfahren in der Psychiatrie referierte im Anschluss Dr. Fritz-Georg Lehnhardt, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Evangelischen Krankenhaus Bergisch-Gladbach. Der Neurologe und Psychotherapeut stellte drei operative Verfahren vor, mit denen sich das Gehirn über elektromagnetische Impulse stimulieren lasse. Ähnlich wie Antidepressiva wirke die Stimulation auf gewissen Hirnareale.

Im Rahmen des Fachsymposiums stellte Diplom-Psychologin Monika Wilhelmi auch die von ihr mitgegründete Alzheimer-Angehörigengruppe vor, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum feiert. Das sogenannten „Alzheimer-Café“ biete regelmäßig einmal im Monat eine wichtige Anlaufstelle für Angehörige, um Informationen einzuholen oder sich selbst unter Betroffenen auszutauschen.

Bildquellen

  • Prof. Dr. Eugen Davids, PD Dr. Fritz-Georg Lehnhardt, Diplom-Psychologin Monika Wilhelmi, Prof. Dr. Tillmann Supprian und Pfarrer Uwe Leicht.: Foto: Segovia