Bezirksbürgermeisterin Dr. Gerhilt Dietrich schlägt Alarm: MVZ-Standort im Stadtteil droht die Schließung – Familien müssten künftig quer durch die Stadt fahren.
Von Katja Weinheimer
Die Sorge um die medizinische Versorgung der Jüngsten wächst: In Lüttringhausen bangen Eltern um den Fortbestand des Medizinischen Versorgungszentrums. Personalmangel und wirtschaftlicher Druck zwingen die Stadtverwaltung zu schwierigen Entscheidungen – mit weitreichenden Folgen für den gesamten Stadtbezirk. Es ist ein Thema, das viele Familien in Lüttringhausen umtreibt und das in den vergangenen Wochen für zunehmende Unruhe im Stadtteil gesorgt hat: Wie steht es um die Zukunft der kinderärztlichen Versorgung vor Ort? Der Lüttringhauser-Lenneper-Anzeiger hat mit Bezirksbürgermeisterin Gerhilt Dietrich über die aktuelle Situation, die Hintergründe der Krise und mögliche Lösungsansätze gesprochen.
„Die Familien in Lüttringhausen sind in großer Sorge“, sagt Dietrich gleich zu Beginn des Gesprächs. Ihre Stimme klingt dabei ebenso besorgt wie entschlossen. „Es geht um nicht weniger als die Frage, ob der Betrieb des Medizinischen Versorgungszentrums in unserem Stadtbezirk erhalten bleibt.“ Eine Frage, die für viele Eltern mit kleinen Kindern von existenzieller Bedeutung ist.
Politische Einigkeit über Parteigrenzen hinweg
Bemerkenswert ist, dass die Sorge um die kinderärztliche Versorgung in Lüttringhausen sämtliche politischen Lager eint. Die Fraktionen von CDU und SPD sowie die Vertreter von Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke haben sich zusammengefunden und wenden sich nun mit einem gemeinsamen Prüfantrag an Oberbürgermeister Sven Wolf. „Wir setzen uns gemeinsam für den Erhalt ein“, betont Dietrich. „Das ist keine Frage der Parteipolitik, sondern eine Frage der Daseinsvorsorge für unsere Bürgerinnen und Bürger.“ Die Bezirksbürgermeisterin macht deutlich, was ein Wegfall des MVZ-Standorts für die betroffenen Familien bedeuten würde: „Es ist nicht zumutbar, dass Familien mit kranken Kindern keine medizinische Versorgung vor Ort erhalten.“ Die Alternative wäre für viele Eltern ein erheblicher Mehraufwand. Sie müssten dann möglicherweise mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die ganze Stadt fahren, um einen Kinderarzt oder eine Kinderärztin zu finden.
Wer schon einmal mit einem fiebernden Kleinkind im Bus gesessen hat, weiß, wie belastend eine solche Situation sein kann. Für Familien ohne eigenes Auto, für alleinerziehende Mütter und Väter oder für Eltern, die mehrere kleine Kinder betreuen müssen, wäre der Wegfall einer wohnortnahen kinderärztlichen Versorgung ein echter Einschnitt in die Lebensqualität. Von der zeitlichen Belastung durch lange Anfahrtswege ganz zu schweigen.
Zwei Standorte, ein Problem
Zur Einordnung der aktuellen Situation: Die Stadtverwaltung Remscheid betreibt derzeit ein pädiatrisches MVZ an zwei Standorten. Der eine befindet sich in der Innenstadt in der Peterstraße 20, der andere in Lüttringhausen in der Gertenbachstraße 35. Dieses Modell der dezentralen Versorgung hat sich über Jahre bewährt und sichergestellt, dass Familien in verschiedenen Stadtteilen kurze Wege zum Kinderarzt haben. Doch nun gerät dieses System unter Druck. Der Grund: Aufgrund langfristiger Ausfälle aus gesundheitlichen Gründen und Teilzeitbeschäftigungen musste bereits viel Zeit und Energie für die Organisation des Personals an beiden Standorten aufgewandt werden. Die Personaldecke ist dünn geworden, jeder Ausfall wiegt schwer. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten am Limit, um den Betrieb an beiden Standorten aufrechtzuerhalten. Die Stadtverwaltung sieht sich angesichts dieser Situation zu Überlegungen gezwungen, die für die Lüttringhauser keine guten Nachrichten bedeuten.
Wie Bezirksbürgermeisterin Dietrich berichtet, sieht die Verwaltung „wirtschaftlich und personell die Notwendigkeit einer Zusammenlegung beider Standorte an einen gemeinsamen Standort, solange kein weiteres Personal gefunden werden kann.“ Eine Zusammenlegung würde bedeuten, dass einer der beiden Standorte geschlossen werden müsste. Und es liegt auf der Hand, welcher das sein würde: nicht der zentral gelegene in der Peterstraße, sondern der in Lüttringhausen. Die Logik dahinter ist nachvollziehbar, wenn auch für die Betroffenen schmerzlich. Die Innenstadt ist besser angebunden, ist für mehr Menschen erreichbar.
Personalsuche gestaltet sich schwierig
Doch warum findet das MVZ kein neues Personal? Die Antwort auf diese Frage fällt ernüchternd aus. „Die Möglichkeiten, neues Personal zu gewinnen, führten bisher nicht zum Erfolg“, erklärt Dietrich. Und sie fügt hinzu: „Was bei der aktuellen Bewerberlage auf dem Arbeitsmarkt auch schwierig ist.“ Die Bemühungen – darin sind sich auch alle Mitglieder der Bezirksvertretung einig, müssten daher intensiviert und neue Wege der Personalakquise beschritten werden. Die Stadtverwaltung setzt offenbar darauf, dass die zentrale Lage der Praxis in der Peterstraße ein Argument sein könnte, um neue Mitarbeiter zu gewinnen. Der Standort in der Innenstadt ist mit dem ÖPNV gut erreichbar, was sowohl für Patienten als auch für potenzielle Angestellte ein Vorteil sein könnte. Die Verwaltung ist davon ausgegangen, so Dietrich, „dass es den allermeisten Eltern möglich sein wird, die Praxis in der Innenstadt aufzusuchen.“ Ein weiteres Problem, das die Situation zusätzlich verkompliziert, liegt in den Regularien des Gesundheitssystems selbst. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) hat für Remscheid einen Versorgungsgrad für die kinderärztliche Versorgung von 135 Prozent belegt.
Das klingt zunächst gut, bedeutet aber: Laut offizieller Statistik gibt es in der Stadt mehr als genug Kinderärzte. Diese sogenannte „Überversorgung“ ist für Eltern jedoch nicht nachvollziehbar. Wer schon einmal versucht hat, kurzfristig einen Termin beim Kinderarzt zu bekommen, weiß, dass die Realität oft anders aussieht als die Statistik. Die 135 Prozent berücksichtigen nicht, dass viele Praxen keine neuen Patienten mehr aufnehmen und dass Wartezeiten lang sind. Hinzu kommt, dass auch im benachbarten Lennep die Situation ungewiss ist: eine dort ansässige Kinderarztpraxis sucht seit geraumer Zeit eine Nachfolge. Falls dies nicht gelingt, isst eine weitere Verschlechterung der kinderärztlichen Versorgung in ganz Remscheid zu befürchten.
TVöD als Wettbewerbsnachteil
Ein strukturelles Problem kommt erschwerend hinzu: Die Einkommensmöglichkeiten für ärztliches Fachpersonal liegen im Krankenhausbereich oder in der freien Wirtschaft weit über denen im Öffentlichen Dienst. Die Bezirksvertretung schlägt daher vor zu prüfen, ob eine alternative Rechtsform des Medizinischen Versorgungszentrums möglich ist, um dem ärztlichen und medizinischen Fachpersonal attraktivere Einkommensmöglichkeiten zu bieten.
Auf der anderen Seite kann eine Tätigkeit als angestellte Ärztin oder angestellter Arzt in einem medizinischen Versorgungszentrum durchaus Vorteile bieten: gegenüber der Einkommenssituation niedergelassener Kinderärzte ist die Bezahlung im öffentlichen Dienst durchaus nicht unattraktiv; hinzu kommen die geregelteren Arbeitszeiten und die Möglichkeit einer Teilzeittätigkeit, die besonders von Kinderärztinnen nachgefragt wird.
Bezirksbürgermeisterin von Lüttringhausen, Frau Dr. Gerhilt Dietrich im Gespräch mit der Redaktion des Lüttringhauser-Lenneper-Anzeiger. Fotos: LLA
Warten auf konkrete Maßnahmen
Angesichts dieser vielschichtigen Problemlage richtet sich der Blick nun auf die Stadtverwaltung. „Man kann nur hoffen, dass die Stadt Remscheid geeignete Maßnahmen ergreift, um diese prekäre Situation für die Kinder und ihre Familien befriedigend zu lösen“, sagt Bezirksbürgermeisterin Dietrich. In ihren Worten schwingt Ungeduld mit, aber auch die Hoffnung, dass der politische Druck Wirkung zeigt. Der fraktionsübergreifende Prüfantrag an den Oberbürgermeister ist ein Signal, das die Verwaltung nicht ignorieren kann. Die Kommunalpolitiker erwarten Antworten und vor allem: konkrete Lösungsvorschläge. Die Handlungsmöglichkeiten der Stadt sind begrenzt, aber nicht gleich null. Eine Option wäre, die Vergütung für das MVZ-Personal zu verbessern, indem eine alternative Rechtsform gewählt wird, die eine bessere marktfähige Bezahlung ermöglicht. Kurzfristige Personalengpässe könnten auch über Vertretungsärzte überbrückt werden – dies erfordert allerdings einen hohen finanziellen Aufwand.
Die Zeit drängt
Klar ist: Je länger die Hängepartie andauert, desto größer wird die Verunsicherung bei den betroffenen Familien. Eltern brauchen Planungssicherheit, wenn es um die Gesundheitsversorgung ihrer Kinder geht. Sie müssen wissen, an wen sie sich im Krankheitsfall wenden können und ob der Weg dorthin zumutbar ist. Der Druck auf die Verwaltung ist aufgebaut, nun müssen Taten folgen. Die Lüttringhauser haben ein berechtigtes Interesse daran, dass ihre Sorgen ernst genommen werden – und dass ihre Kinder auch in Zukunft wohnortnah medizinisch versorgt werden können.Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Stadt Remscheid kreative Lösungen findet oder ob die Befürchtungen Realität werden.
Eines steht jedenfalls fest: Das Thema kinderärztliche Versorgung in Lüttringhausen wird die lokale Politik noch eine Weile beschäftigen. Der Lüttringhauser-Lenneper-Anzeiger wird weiter berichten.
