Die gleiche Leidenschaft, die Jens Nettekoven als CDU-Landtagsabgeordneten und Remscheider Ratsherrn für den Kommunalwahlkreis Lüttringhausen-Zentrum antreibt, beherrscht den 48-jährigen auch als hochrangigen Sportfunktionär. Als Vizepräsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) war er jetzt sechs Tage bei den Winterspielen in Italien. Von dort hat er das Outfit mitgebracht, mit dem neben den deutschen Athleten auch die Offiziellen ausgestattet wurden. Für seine Sammlung.
Von Bernward Lamerz
Die Kombination aus Poncho und Fischerhut, mit dem die deutsche Mannschaft bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Italien eingelaufen ist (und dafür reichlich bespöttelt wurde), hängt jetzt auch bei Jens Nettekoven in Lüttringhausen im Schrank. Neben vielem anderen, das zum olympischen Outfit vom Ausstatter Adidas gehörte. Nach der sportlichen Qualifikation für die Teilnahme an dem Großereignis sei die Einkleidung für die Sportler der zweitwichtigste Termin vor den Spielen, sagt Nettekoven schmunzelnd über die Regularien. Und die Offiziellen von Vorstand und Präsidium des DOSB, die die Athleten repräsentierend begleiten, sind vom Einkleidungsritual genauso betroffen.
Dabei sein ist alles
Locker zwei Koffer voll an Ausstattung kommen da zusammen, in der kompletten Version insgesamt 70 Teile zumeist mit dem Bundesadler drauf im Wert von rund 7000 Euro (die allerdings nirgendwo käuflich zu erwerben sind): Jacken und Anoraks, Hosen für Training und Freizeit, Hoodies und Shirts, Sportschuhe und winterfeste Treter, Sonnenbrille und Caps, Funktionsunterwäsche und Socken und vieles mehr. Und natürlich der Poncho mit dem merkwürdigen Design und der Fischerhut, die vielfach bespöttelt wurden.
Eine der Jacken benutzt Nettekoven heute gerne zum Joggen. Die weißen Sportschuhe lässt er aber lieber im Schrank. Ein Kleiderleitfaden regelt für die deutschen Olympia-Teilnehmer ziemlich genau, was bei welchen Gelegenheit zu tragen ist, ob bei den Wettkämpfen, Siegerehrungen, offiziellen Anlässen oder bei den regelmäßigen Treffen im Deutschen Haus, wo sich die siegreichen genauso wie die erfolglosen Athleten mit der sportlichen und sonstigen Prominenz ein Stelldichein gaben. Jürgen Klopp hat Nettekoven dort beispielsweise getroffen. Und Boris Becker auch. Nettekovens persönliche Sammlung an sportgeschichtlichen Erinnerungsstücken, Fotos, Dokumenten und Devotionalien, die seinen gesellschaftlichen und politischen Einsatz („ich helfe gerne; und Sport ist immer auch politisch“) flankiert, ist durch all das noch weiter beträchtlich gewachsen. Das handsignierte Trikot von Saskia Bartusiak, Fußball-Nationalspielerin und Olympia-Siegerin von Rio 2016, zeigt er beispielweise gerne vor. Auch die Replik des Fußball-WM-Pokals mit prominenten deutschen Herren-Autogrammen.
(l.) An der Wand zum Treppenhaus der Familie Nettekoven hängt eine der 2500 Fackeln, mit denen das olympische Feuer zu den Sommerspielen 2024 nach Paris getragen wurde.
(r.) Bei den Olympischen Winterspielen hat Jens Nettekoven das Outfit der deutschen Mannschaft für die Eröffnungsfeier nicht getragen. Im heimischen Wohnzimmer holte er das jetzt nach. Fotos: bl
Im Flur des Hauses, wo die Eheleute Nettekoven mit Tochter (15) und Labrador „Oskar“ (5) wohnen, hängt gleich links vom Eingang eine sorgfältig gerahmte Collage mit Fotos von der legendären Fußball-WM 1954 in Bern, auf denen sich Fritz Walter und Kameraden als Weltmeister mit ihrer Unterschrift verewigt haben. Darin auch ein hölzernes Stück Rückenlehne mit den Sitzplatznummern 316 und 315 von der Tribüne des Wankdorfstadions. Gegenüber an der Wand zum Treppenhaus hängt eine der 2500 Fackeln, mit denen das olympische Feuer 2024 zu den Sommerspielen nach Paris getragen wurde.
Sammelwütig wirkt das alles nicht, aber sportgeschichtsbegeistert, leidenschaftlich eben. Und sehr respektvoll. Ein kleines Teil ist Nettekoven besonders ans Herz gewachsen: Die goldfarbene Anstecknadel, die den deutschen Ringer Pasquale Passarelli als Gewinner der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1984 ausweist. Passarelli hatte damals sensationelle 85 Sekunden lang in der sogenannten „Brücke“ seinem Gegner, dem Japaner Masaki Eto, widerstanden, bevor er siegte. Es war der Höhepunkt seiner Karriere und trug maßgeblich zu seinem Status als Sportlegende bei. „Das sind Momente, die Olympia schreibt“, sagt Nettekoven, der selbst als aktiver Ringer aufgewachsen ist. Damals war er sechs Jahre alt. Heute ist er mit Passarelli eng befreundet. Die Anstecknadel hat ihm das Idol geschenkt. „Die bedeutet mir sehr viel“, sagt Nettekoven.
Ach ja, Präsident des Deutschen Ringerbundes ist Jens Nettekoven, von Hause aus Berufssoldat (Feldjäger), auch. Er hat seiner Frau übrigens versprochen, eine neue Aufgabe nur noch dann zu übernehmen, wenn er dafür ein bestehendes Amt aufgibt. Er kann nur „ganz oder gar nicht“. Das gebietet die Leidenschaft. Und Stücke, an denen Erinnerungen haften, gibt es genug.
Jens Nettekoven, einer von fünf Vizepräsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes, mit Funktionärskollegen bei den Winterspielen in Italien. Die Kleidung der Herrschaften entspricht den Ausstattungs-Standards der ganzen deutschen Delegation. Foto: Nettekoven
